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Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Minden Jürgen Tiemann

Was war Martin Luther für ein Mensch und was fasziniert Sie an seiner Person?

Martin Luther beeindruckt durch seine Wortgewalt. Er konnte sehr präzise und polemisch formulieren, was aber auch negative Auswirkungen hatte. Er griff in überaus drastischer Weise den Papst und die katholische Kirche an. Aus heutiger Sicht finden wir das übertrieben. Luther sich allerdings angegriffen und musste damit rechnen – wie Johannes Hus hundert Jahre zuvor - wegen seiner Thesen verbrannt zu werden. Trotzdem hat er die Kraft gehabt, auf dem Reichstag zu Worms dem Kaiser gegenüber zu bestehen. Was ich bewundere, ist die Kunst der Unterscheidung, z.B. zwischen kirchlicher und weltlicher Sphäre, seine kreative Sprache und seine argumentative Kraft.

Gibt es etwas, das Sie an ihm stört?

Die große Wirkung seiner Reden und Schriften hat auch Schattenseiten gehabt. Es wird vermutet, dass Luther an Depressionen litt, die im Alter stärker wurden. Die Drastik seiner Wortwahl wurde mit zunehmenden Konflikten stärker: gegenüber der katholischen Kirche, gegenüber den Bauern während ihres Aufstandes und am Ende seines Lebens gegenüber den Juden; dies bedauert die evangelische Kirche heute sehr.

Welcher Text Luthers bewegt Sie am stärksten?

Im Studium fand ich die Schriften faszinierend, in denen er durch die Bildung von Gegensatzpaaren eine Klarheit schaffen konnte, die damals auch einfache Menschen ansprach. „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ ist so ein Text. In einer Examensprüfung habe der Schrift „Von der Unfreiheit des Willens“, einer Auseinandersetzung mit Erasmus, viel abgewinnen können. Sehr prägend war neben der Bibelübersetzung der Katechismus, der wesentliche Glaubensinhalte mit wenigen Worten und Sätzen verdeutlicht, was in viele Haushalte hinein wirkte und über Jahrhunderte sehr prägend war.

Luther kritisiert in den 95 Thesen in erster Linie den Ablasshandel. Was noch?

Gleich der erste Satz handelt von der Buße. Luther möchte das persönliche Verhältnis zu Gott in den Mittelpunkt stellen. Das heißt, jeder ist zur Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen gerufen und soll sich fragen: Was mache ich richtig, was nicht? Dadurch wird die Zwischeninstanz, die Kirche, weniger wichtig. In der Betonung des Gewissens sehe ich einen Schritt zur Individualisierung. Die Wirkungsgeschichte der Thesen war deshalb so groß, weil die katholische Kirche gespürt hat, dass ihre Macht durch Luthers Forderungen unterminiert wird. Die eigentliche Stoßrichtung gegen den Ablasshandel war dabei substanziell, da es eine wichtige Einkommensquelle war. Beim Geld hört der Spaß bekanntlich auf, auch bei der Kirche. Luther wollte die Menschen zur Freiheit ermutigen, allerdings meint er eine Freiheit nicht von allen Zwängen, sondern eine zu verantwortlichem Handeln.

Gibt die Reformation noch Antworten auf die Fragen heutiger Menschen? Sind Luthers Thesen nach wie vor aktuell?

Ich glaube schon, man muss sie jedoch übersetzen. Die Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ stellen sich die Menschen heute nicht primär. „Rechtfertigung allein aus Glauben“ meint, dass ich mir Gottes Liebe nicht erarbeiten muss, sondern geschenkt bekomme – und das nur glauben muss. Auch heute treibt die Bewältigung von Schuld und die Frage, was verfehlt oder sinnlos im Leben ist, fast alle Menschen um. Ich finde, dass wir heute in einer gnadenlosen Welt leben. Seit den 1990er Jahren hat eine gewisse Ökonomisierung unseres öffentlichen Lebens um sich gegriffen, die eine ständige Optimierung von allen erwartet. Das bedeutet im Berufsleben z.B. Arbeitsverdichtung. „Positiv denken“ macht uns selbst verantwortlich für unser Glück oder Unglück. Wenn man unter diesem Druck einknickt und versagt, ist man arm dran. Diese Haltung scheint mir ein Grund dafür zu sein, dass es zahlreiche „burn-out-Phänomene“ gibt. Wir kommen an Grenzen und stellen uns die Frage „Wer erkennt mich an?“ „Hat es Sinn, was ich mache?“ Die Antwort kann man sich nicht selbst zusprechen. Es wäre schade, wenn dann nicht die Größe Gott ins Spiel kommt. Es wäre ein großer Verlust – individuell und für unsere Gesellschaft -, wenn wir keinen Sinn mehr erkennen. Die zunehmende Polarisierung in unserer Gesellschaft kann mit solchem Sinnverlust zu tun haben.

Viele Dinge in unserem heutigen Leben gehen auf Luther und die Reformationszeit zurück: Die Haltung zu Arbeit und Beruf, Gewissenverantwortung und Sozialverpflichtung. Er hat 1523 eine Armenkasse geschaffen, die viele Nachahmer in Deutschland fand und als ein früher Baustein für die Fürsorge unseres Sozialstaats angesehen werden kann. Der durch Reformation und Gegenreformation entstandene Wettlauf um das Thema Bildung, die Gründung von Universitäten, die Entstehung der Wissenschaften kann als segensreiche Frucht und Voraussetzung der Aufklärung angesehen werden.



Brauchen wir heute eine neue Reformation – in Kirche und Staat?

Die evangelischen Kirche hat den Anspruch, sich ständig zu erneuern: „Ecclesia semper reformanda“, weil es für jede Generation eine ständige Herausforderung darstellt, ob und wie wir unserem Auftrag gemäß handeln und ob wir dem Evangelium von Jesus Christus gerecht werden. Recht und Strukturen sind notwendig, bergen aber die Gefahr in sich, sich zu verselbständigen, nicht mehr zu dienen und zu stark auf Machtstrukturen zu setzen, mithin unbescheiden zu werden. Andererseits verlangt unser Glaube ein Handeln in der Welt, um Menschen in Not zu helfen, um sich für Frieden, Gerechtigkeit, die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen sowie für den Respekt gegenüber Fremden. Ich finde es beeindruckend, wie viele Menschen in und neben der Kirche sich selbstlos für geflüchtete Menschen engagieren und somit still und unauffällig mithelfen, dass es in unserem Land friedlich zugeht. Der soziale Friede ist ein hohes Gut, den wir nicht aufs Spiel setzen sollten. Manche, die heute das christliche Abendland mit Respektlosigkeit gegenüber Staatsorganen und Gewalt „verteidigen“ wollen, agieren damit gegen Wohlstand, Frieden und Freiheit. Wichtige Lehren aus den Kriegen um Macht, Grenzen und Konfessionen waren die friedenstiftende Wirkung von Grundrechten, die Toleranz gegenüber Andersdenkenden und das Gewaltmonopol des Staates.

Sie sagten Kirche müsse sich ständig reformieren. Wo sehen Sie bei der Evangelischen Kirche den größten Handlungsbedarf?

Als jemand, der auf mittlerer Ebene die Kirche mit leiten darf, kann ich sagen, dass wir uns schon intensiv Gedanken machen, wie sich die evangelische Kirche verändern müsste. Vielleicht werden wir zurzeit der Sprachgewalt und Gestaltungskraft Luthers, der dem Volk „aufs Maul schauen“ konnte, nicht so gerecht, wie es sein könnte. Wir verstehen die sichtbare Kirche in Folge der Reformation eher als weltliche Organisation – mit der Gefahr, uns zu sehr mit unseren Strukturen zu beschäftigen. Wir müssten uns vom Geist Gottes mehr zu erfrischender Verkündigung und mutigem Handeln befähigen lassen. Da erlebe ich uns eher suchend. Mit welcher Sprache verhelfen wir den Menschen, die Kraft des Glaubens zu entdecken? Wie feiern wir Gottesdienste, die ein begeisterndes Erlebnis für die Teilnehmer sind? In den Gemeinden wird jedoch auch gute Arbeit getan, z.B. bei Seelsorge, Festgottesdiensten und Amtshandlungen, wo Menschen in Umbruchsituationen ihres Lebens begleitet werden. Die Mitgliederzahlen gehen zurück, durch Austritte und zum größten Teil durch das demographische Missverhältnis von Sterbefällen zu Taufen. Dem müssen wir uns stellen, genauso wie der Frage, wie wir in den 2020er Jahren mit weniger Personen und geringeren Mitteln eine gute Qualität unserer Arbeit schaffen.

Was können Protestanten 500 Jahre nach der Reformation von Katholiken lernen?

Die Spiritualität. Die Gestaltung der Kirchenräume und Gebäude: das ist ästhetisch und schön. Auch die vielen Orden und Gemeinschaften, die die katholische Kirche neben ihrer eigenen Körperschaft hat, sind ein großer Reichtum.

Mir ist das Verhältnis zur katholischen Kirche sehr wichtig. Sie ist unsere Mutterkirche. Wir haben denselben Ursprung. Der vorherige Präses, Alfred Buß, sagte: „Wir sind die durch die Reformation gegangene katholische Kirche.“ Ich persönlich pflege gute Kontakte zu katholischen Geschwistern. Die Kirchenspaltung ist bedauerlich und war von Luther nicht gewollt. Heute versuchen wir, aufeinander zuzugehen. Die leitenden Personen in Deutschland, Bischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx, wollen die versöhnte Verschiedenheit im Jahr 2017 als etwas Verbindendes herausstellen.



Wie beurteilen Sie den aktuellen Stand des ökumenischen Dialogs zwischen den Kirchen?

In den 1960er Jahren fand ein großer Aufbruch statt. Nach dem 2. Vatikanischen Konzil gab es große Hoffnungen, die in den 1990er Jahren und den Nuller Jahren unseres Jahrhunderts durch Herausstellung von Lehrunterschieden gedämpft wurden. Wegen des Amtsverständnisses können wir nicht die Eucharistie, das Abendmahl zusammen feiern. Wir sollten aber nicht auf das Trennende schauen, sondern auf das Gemeinsame. Und das ist sehr viel, sagen wir 90 Prozent. Mit Geduld kommen wir weiter. Vielleicht muss man im Blick auf die Einheit in anderen Zeitdimensionen denken.



Welche Rolle spielte Minden bei der Ausbreitung der Reformation?

In den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts hat es in Westfalen an verschiedenen Stellen reformatorische Prediger gegeben. Nachdem an St. Marien und in St. Simeonis evangelische Predigten gehalten wurden, beauftragten 36 Ratsmitglieder Nikolaus Krage, eine Kirch- und Schulordnung zu schreiben. Diese wurde im Februar 1530 in St. Martini verkündet. Das war die erste Kirchenordnung in Westfalen. Deshalb darf Minden auch beim Europäischen Stationenweg für unsere Westfälische Kirche dabei sein. Darüber freuen wir uns.
Diese Kirchenordnung regelte das kirchliche Leben, schuf aber auch eine Schule. Es wurde ein Kloster enteignet und säkularisiert: die erste Lateinschule, das heutige Ratsgymnasium. Und darin sehe ich eine starke Wirkung der Reformation: die Gründung von Schulen. Martin Luther hat die Fürsten nachdrücklich ermutigt, Schulen zu gründen. Und das ist in großer Zahl gelungen. Melanchton, sein intellektueller Schüler und Wegbegleiter, hat maßgeblich dazu beigetragen, Schulordnungen zu schreiben. Diese Bildungsabsicht hat sich auch in Minden und in Westfalen durchgesetzt.
Luthers Ziel war es, dass in jedem Haushalt gelesen werden konnte, dass über Bibel und Katechismus die deutsche Sprache als ureigene Sprache der Menschen gepflegt wurde. Um das zu können, mussten die Leute lesen und schreiben lernen. Das wirkte sich auf Arbeitsethos, verantwortliches Handeln, Gewissensbildung, Umgang mit Geld, Sparsamkeit, Treue, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft aus. Luther hat den Dienst im Alltag als einen Gottesdienst angesehen – und damit zu einer Verweltlichung beigetragen. Luther war aber auch ein spielerischer Mensch, der Musik, Essen und Geselligkeit liebte. Seine Tischreden sind legendär. Er sagte: „Pecca fortiter – Sündige kräftig.“ Und meinte damit: „Wenn du glaubst, dass dir vergeben wird, dann kannst du fröhlich dein Werk tun und musst nicht ständig Angst haben, etwas falsch zu machen.“ Er wollte die Menschen von der Angst befreien, die ihnen von der damaligen Lehre gemacht wurde.



Sie haben den „Europäischen Stationenweg“ angesprochen. Am 25. und 26. November macht ein Truck auf diesem Weg Station in Minden. Er sammelt persönliche Geschichten und Erlebnisse, die die Menschen mit der Reformation verbinden. Wie sieht Ihre persönliche Reformations-Geschichte aus?

Persönlich bin ich sehr dankbar, dass mir durch meine Eltern ein Glauben vorgelebt wurde, der eher praktisch war und nicht viele Worten brauchte. Er hat mich ermutigt, mich einzusetzen, mit anderen Menschen gut auszukommen, zu helfen, wo Not ist. Das Wertvollste im Leben ist Geschenk. Worüber ich glücklich bin, ist nicht mein Verdienst: Familie, aber auch gute berufliche Beziehungen. Auch das, was wir hier im Kirchenkreis erreicht haben, habe nicht ich alleine erreicht, sondern mit vielen anderen. Sich für ein gemeinsames Ziel einzusetzen, ohne es jeden Tag bekunden zu müssen, empfinde ich als persönliches Glück. Den Sinn im Leben sehe ich nach wie vor darin, mit meinen Gaben in einer Gemeinschaft zu leben und dem Frieden zu dienen. Eine bestimmte Glaubensgeschichte fiele mir schwer zu erzählen. Im Religionsunterricht habe ich genossen, das wir mit kritische Fragen offen erörtern konnten. Das halte ich immer noch für eine große Stärke der evangelischen Kirche, sich kritisch in Frage zu stellen.
Ganz wichtig für meinen Glauben ist die Vernunft. Ich fühle mich als Kind der Aufklärung. Ich denke, dass der Glaube eine Art Grundannahme des Lebens ist und dass man dann seine Theologie, seine ethische Handlungsweise mit Vernunftgründen in Frage stellen lassen muss. Die Vernunft bildet die Brücke zu anderen Religionsgemeinschaften, zu politischen Parteien. Sie ist die Kommunikationsplattform, auf der wir uns gemeinsam bewegen und verständigen können.

Welche Aktionen und kulturellen Höhepunkte stehen im Reformationsjahr 2017 im Kirchenkreis Minden auf dem Programm?

Wir haben mit vielen anderen Kulturschaffenden in Minden ein Programm zusammengestellt, zunächst bis zum März nächsten Jahres. Wir suchen den Dialog und die Auseinandersetzung mit Autoren, dem Theater, der Wissenschaft. Evangelische Initiativen aus Minden beteiligen sich auch an den großen Aktionen in Wittenberg und am Kirchentag in Berlin. Bei der Weltausstellung der Reformation in Wittenberg bekommt der Kirchenkreis im August 2017 die Gelegenheit, sich eine Woche lang zu präsentieren. So sind wir auch überregional dabei. In den Kirchengemeinden wird es viele Veranstaltungen geben. Als Großveranstaltung wird im Frühjahr 2017 im Gerry-Weber-Stadion das neue Luther-Oratorium aufgeführt. Und wir werden einen gemeinsamen, schönen Reformationsgottesdienst feiern.





Interview mit Superintendent Jürgen Tiemann, 25.10 2016, von Christian Helming (Mindener Tageblatt)